Es ist inzwischen Abend und so spät, dass die Sonne trotz der längeren Tage, die der Frühling nun endlich mit sich gebracht hat, schon längst unter gegangen ist. Ich sitze auf meinem Bett, dass sich irgendwie nicht wie mein Bett, sondern fremd anfühlt, so lange war ich schon nicht mehr da. Eigentlich habe ich mich auf meinen Feierabend heute gefreut und darauf hin gefiebert, aber irgendwie ist es wie mit einem Luftballon, aus dem durch ein klitzekleines Loch alle Luft entweicht.

Mein Hirn beginnt sofort fleißig zu rattern, um wie immer hilfsbereit sofort nach einer logischen Erklärung und im besten Falle einer Lösung zu suchen. Ist es das Zimmer, in das viel zu wenig Licht kommt? Ist es mein Hund, den ich mitsamt seinem unbändigen Kuscheldrang vermisse? Liegt es einfach daran, dass ich so lange nicht mehr hier war? Sind es die Post-Hamburg-Vacation Blues? Oder kann ich einfach nicht allein sein? All das, besonders letzteres, habe ich immer als Schwäche abgetan. Heimweh, das war vor einem Jahr für mich noch Zeichen, nicht erwachsen genug zu sein. Ich habe mich dafür geschämt, dass ich am liebsten täglich Kontakt mit meinen Eltern gehabt habe und dass ich mich zuhause so wohlgefühlt habe. Freundinnen zogen quer durchs Land oder ins Ausland und blühten auf wie Blumen, die man endlich in die Sonne gestellt hatte. Wirkten so erwachsen, denn Ausziehen oder es lange ohne die Eltern auszuhalten – das war für mich die Definition von Erwachsen sein.

Wenn ihr älter als ich seid, dann werdet ihr jetzt vielleicht schmunzeln müssen. Weil „Erwachsen sein“ eine dieser Sachen ist, die man nicht so einfach und naiv definieren kann. Weil jeder etwas anders darunter versteht. Weil jeder eben anders ist. Ich habe vor ein paar Wochen ein Bild von mir gefunden, auf dem ich genauso aussehe wie heute, wenn ich einen Blick in den Spiegel werfe. Die Haare sind vielleicht etwas kürzer und mein Kleidungsstil etwas, nun ja, unbeholfener, aber dass dieses Bild vor 4 Jahren aufgenommen worden ist, scheint unglaublich. Äußerlich sind die Jahre an mir geradezu vorbeigegangen- im Spiegel blickt mir immer noch das gleiche Gesicht entgegen, dass mit 16 für die ersten Discobesuche geschminkt worden war. Bin ich also kein bisschen erwachsener geworden? Körperlich könnte ich immerhin auch locker als Schülerin durchgehen und ich fühle mich irgendwie auch nicht klüger, oder reifer oder so, als hätte ich mein Leben voll im Griff. 

sunsetgirl

Gleichzeitig lebe ich nun schon länger allein, kümmere mich um meine eigene Wohnung, plane Einkäufe, verdiene Geld, bin die einzige, die mir sagt, dass ich endlich mal etwas für die Uni tun muss… Kurz gesagt benehme ich mich wie ein junger Erwachsener und das, wie ich finde, durchaus mit Erfolg. Meine Zeit als Au Pair hat mir schon nach einer Woche genau diese „Fähigkeiten“ beigebracht, denn wenn man 8 Stunden am Tag alleine für zwei kleine Kinder verantwortlich ist, dann lernt man das einfach nebenbei. Trotzdem finde ich es schwer, alleine oder in einer WG zu wohnen, weil ich einfach nicht gerne alleine bin. Ich finde es schwer, früh aufzustehen und etwas zu tun, wenn die Vorlesung doch erst um 12 Uhr beginnt. Ich kann alleine reisen, für Kinder sorgen, einen Haushalt führen, mich in fremden Millionenstädten zurechtfinden, aber ich kann nicht gut alleine wohnen, ich habe noch absolut gar keinen Plan für mein Leben und manchmal überrumpelt mich dieses „Erwachsensein“ wie eine unerwartete Windböe, die einen aus dem Gleichgewicht bringt. Bin ich deswegen nicht Erwachsen genug? Will ich überhaupt Erwachsen sein? Was bedeutet das Wort eigentlich für mich?

Nach vielen schlaflosen Nächten und nachdem inzwischen zwei Jahre vergangen sind, seitdem mich mit dem Schulabschluss dieses Thema zum ersten Mal beschäftigt hat, weiß ich, dass es darauf nicht immer eine gute Antwort geben muss. Dass die Dinge einfach Zeit brauchen und dass die Zahl 20 für mich so groß wie das Atlasgebirge sein mag, aber eigentlich habe ich noch alle Zeit der Welt. Es ist nicht der Masterplan, der wichtig ist, sondern das Vertrauen, dass letztendlich alles gut gehen wird und dass mein -dein- Leben gelingen kann. Dass man seinen Platz finden wird. Dass man sich traut, es zu probieren, zu scheitern und es wieder neu zu probieren. Dass man den Mut hat, den falschen Weg hinter sich zu lassen und neu zu beginnen. Erwachsensein heißt, seine Stärken nach und nach zu finden und sie zu nutzen, für seine Meinung gerade zu stehen und zu erkennen, dass wir alle so verschieden sind. Dass es manchen weit weg von zuhause am besten geht und manche jeden Tag mit ihrer Mutter telefonieren und ihr alles erzählen wollen und können. Jeder von uns, egal, wie sehr wir es verschleiern, hat Ängste und Momente, in denen er sich hilflos fühlt. Jeden plagen mal Zweifel oder Ungewissheit. Vielleicht heißt Erwachsensein ja einfach nur, dass wir akzeptieren, dass wir alleine viel stärker sind als wir denken und gleichzeitig nie ganz das kleine, manchmal verängstigte und hilfsbedürftige Kind in uns verlieren werden. 

Wie geht es euch? Fühlt ihr euch Erwachsen? Kennt ihr manche dieser Gedanken auch?

xx, Sofie

8 Comments on Erwachsen sein? Was heißt das eigentlich?

  1. Meritt
    15. April 2016 at 1:26 (2 Jahren ago)

    Also ich bin schon 25 und somit ein bisschen älter als du, aber ich musste auch schmunzeln. Wenn ich jetzt in einer ungewohnten Situation bin, kommt öfter mal der Satz „vll sollten wir mal nen Erwachsenen fragen“ und von meinen (teilweise jüngeren) Freunden kommt dann: du bist doch erwachsen. Ja, öhm, ne. Als ich 20 wurde, is meine Welt untergegangen. Ich wollte nie älter werden. Dann war ich 21 und ich wollte am Liebsten immer 21 bleiben. Jetzt bin ich 25 und werde demnächst 26 und es könnte mir egaler nicht sein. Umso älter ich werde umso ungewohnter fühlt es sich an. Die 30 macht mir schon lange keine Angst mehr. Manchmal denk ich schon „ach nochmal so und so alt sein“ aber, hmpf, was soll man machen. Ich schreibe grade meinen Bachelor im Ausland und komme im Juli zurück und darf nach 5 Jahren erstmal wieder zu Hause einziehen, da erstmal Job suche. Yeahi. Erwachsen, ich? Klar, Freunde heiraten, kriegen Babys, aber ich fühl mich da noch ganz weit von weg. Und das sind ja eigentlich auch eher nur die Bekanntschaften. Meine Freunde studieren auch noch, werden jetzt langsam fertig.
    Das ist ein so wahnsinnig interessantes Thema und ich finde mich darin so gut wieder. Und dabei bin ich ja tatsächlich schon ein bisschen älter… schön geschrieben 🙂 Instagram wollte mich nicht bei dir kommentieren lassen, deswegen jetzt hier 😉

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    • CharlotteSofie
      15. April 2016 at 11:41 (2 Jahren ago)

      Das mit dem Weltuntergang mit 20 kenne ich nur zu gut, denn damit ist das Teenagersein ja endgültig zu Ende. Ja, ich glaube auch, es wird besser umso älter man ist, weil man merkt dass man das schon alles hinbekommen wird 🙂 Ach, für kurze Zeit wieder zuhause zu wohnen ist doch auch schön, ich glaube, solange man mit 40 nicht noch dauerhaft dort wohnt ist doch alles gut! xx, Sofie

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    • CharlotteSofie
      15. April 2016 at 11:39 (2 Jahren ago)

      Vielen Dank! Grüße aus Mainz, xx, Sofie

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  2. Lea
    15. April 2016 at 11:42 (2 Jahren ago)

    Liebe Sofie,
    Ich finde deine Worte total nachvollziehbar und garnicht zum schmunzeln!
    Ich glaube selbst mit 30 hat man manchmal noch solche Gedanken..
    Ganz toller Text! <3
    Liebe Grüße, Lea | http://iamlea.com

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    • CharlotteSofie
      17. April 2016 at 17:25 (2 Jahren ago)

      Vielen Dank! xx, Sofie

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  3. Ingrid
    15. April 2016 at 22:29 (2 Jahren ago)

    Ich kann mich total in dich hineinversetzen weil ich seit Studienbeginn ähnliche Erfahrungen gemacht habe. Was ich aus Gesprächen mit meinen engsten Freunden herausgehört habe geht es den allermeisten von ihnen auch ähnlich. Also bist du definitiv nicht allein 🙂 Ich fühle mich in Gegenwart meiner Familie oder alter Freunde sicherlich nicht erwachsen, wenn ich dann aber in der U-Bahn Schüler sehe, dann kommt mir das auch wieder fremd und weit weg vor. Ich habe am Donnerstag zufälligerweise ebenfalls einen Post zum Thema erwachsen werden verfasst, weil die Thematik mich auch häufig beschäftigt.Falls es dich interessiert würde es mich freuen wenn du dir meine (etwas detaillierteren) Gedanken dazu durchliest ^^

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    • CharlotteSofie
      17. April 2016 at 17:25 (2 Jahren ago)

      Vielen Dank! Ja, lese ich mir gerne durch 🙂 xx, Sofie

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